Never Moor – A22/20 und die Vernichtung einer der letzten Urlandschaften

15. November 2011  Medien – Presse, Pressespiegel

Die Moore waren im Bewusstsein der Bevölkerung bis vor wenigen Jahren eher eine Randerscheinung. Bekannt war vor allem, dass man im Moor tief einsinken kann und dass dort Torf abgebaut wird. Die öffentlichen Medien zeigen meist nur Interesse, wenn zufällig einmal eine Moorleiche gefunden wird. Die aktuellen Diskussionen über die Klimaveränderungen belegen jedoch, wie wichtig der Erhalt und die Renaturierung unserer Moore sind. (von Dr. Hans-Joachim Andres)

Heute werden mehr als 65% der ehemaligen Moorflächen als Weiden und in zunehmendem Maße auch als Maisäcker landwirtschaftlich genutzt. Auf etwa 12% der Flächen wird immer noch Torf abgebaut, denn hierfür gibt es noch Genehmigungen teilweise über mehrere Jahrzehnte. Nur knapp 5% der Moorflächen können heute noch als halbwegs intakte Hoch- oder Niedermoore angesprochen werden. Diese Flächen sind mittlerweile als höchst wertvolle Biotope geschützt, denn sie stellen die letzten Urlandschaften dar und bieten seltenen Tieren und Pflanzen wichtige Rückzugsmöglichkeiten.

Das „Niedersächsische Moorschutzprogramm von 1981“ sieht vor, dass alle Moore einschließlich der vielen Kleinbiotope unter Naturschutz gestellt werden und die massiven Moorentwässerungen rückgängig gemacht werden. Zudem ist die Torfindustrie verpflichtet, die Flächen nach dem Abbau wieder zu vernässen, um damit eine Renaturierung zumindest zu versuchen.

Die Trasse dieser Autobahn würde beispielsweise zu etwa 45% über Moorflächen mit Torfschichten von bis zu 20 Metern führen. Für den Bau würden wertvollste Naturflächen zerstört und es müssten viele Millionen Kubikmeter Torf abgebaut werden. Dabei würden große Mengen des Klimagases CO2 entweichen. Auch die Entsorgung der Torfmassen wäre mit Problemen verbunden. Der große Anteil an giftigen Eisenverbindungen in Form von Ocker lässt den Torf nämlich zu einer Art „Sondermüll“ werden.

Ersatzweise wird heute mancherorts das sogenannte „Auflastverfahren“ versucht. Eine mehrere Meter hohe Sandschicht soll über mehrere Jahre die Torfschichten so weit zusammendrücken, dass eine Straße darauf gebaut werden kann. Dieses Verfahren funktioniert jedoch nur sehr unzureichend, wie die erheblichen Fahrbahnsenkungen auf entsprechenden Straßenabschnitten auch noch nach vielen Jahren zeigen. Außerdem werden damit die giftigen Eisenverbindungen aus dem Torf in die umliegenden Gewässer gedrückt und lassen dort tierisches und pflanzliches Leben absterben. Dieses Wasser kann sogar die Grenzwerte für Eisen, beispielsweise bei der Obstbewässerung, überschreiten. Daher protestieren Naturschützer, Angler und Obstbauern zu Recht gegen dieses Verfahren.

Die wenigen, noch übrig gebliebenen Moore sind unsere letzten Urlandschaften mit einzigartigen Rückzugsmöglichkeiten für Tiere und Pflanzen. Alle intakten (aber auch die mittlerweile mehr oder weniger degenerierten) Moore und Moorwälder müssen umgehend komplett erfasst und unter Schutz gestellt werden. Dazu muss das Niedersächsische Moorschutzprogramm wesentlich schneller und effektiver umgesetzt werden. Insbesondere sind alle Entwässerungsmaßnahmen in und an Mooren zu unterbinden. Ferner muss um alle Moore und Moorwälder eine ausreichende Schutzzone geschaffen werden, in der beispielsweise keine Gülle ausgebracht werden darf.

Alle landwirtschaftlichen Bearbeitungen der Moore (insbesondere der Maisanbau auf Moorflächen) sind zu untersagen. Auf Moorflächen darf es generell keine Baumaßnahmen mehr geben – egal ob es sich um Autobahnen, Gewerbeflächen oder anderes handelt. Moore dürfen auch nicht länger als Mülldeponien für die gewisse Landwirte dienen. Die Torfabbaugenehmigungen sind zu überprüfen und es darf keine neuen Torfabbaugenehmigungen mehr geben. Die Renaturierungsmaßnahmen auf den Abbauflächen müssen verstärkt und besser überwacht werden. Zwischen den Moorflächen sind ausreichende Biotopvernetzungen zu schaffen. Last but not least: Die Moore sind mit ihren einzigartigen Erholungsmöglichkeiten auch touristisch zu erschließen, wobei der Naturschutz natürlich Vorrang hat.

Artikel im Laufpass vom 15.11.2011. Artikel als PDF-Datei.